Die große Täuschung: Im Sog der manipulativen Coaching-Szene. Teil 1.

Die große Täuschung: Im Sog der manipulativen Coaching-Szene. Teil 1.

DISCLAIMER: Bitte beachte, dass es mir in dieser Blogserie nicht darum geht, mich zu rechtfertigen oder Mitleid zu erhaschen. Ich sehe mich nicht als Opfer und habe meine Entscheidungen alle aus vollem Bewusstsein getroffen.

Mein Hauptanliegen ist es, aufzuklären, zu warnen und mögliche "Red Flags" in der Coaching-Szene aufzuzeigen. Ich werde in dieser Serie keine Namen nennen um niemandem zu schaden.

Ich hatte mehr Glück als Verstand, rechtzeitig aus einem "Kult" ausbrechen zu können, in dem das Geld der Mitglieder über deren Wohlergehen gestellt wird. In meiner Zeit sowohl als Teilnehmer an zweifelhaften Programmen als auch als angehender "Coach" entkam ich nur knapp einer Privatinsolvenz.

Mir ist bewusst, dass nicht jeder dieses Glück hat. Diese Beiträge sollen als Leitfaden dienen, um informierte Entscheidungen zu treffen und potenzielle Fallstricke in der Coaching-Branche zu erkennen. Mir ist bewusst, dass es auch Coaches gibt, die großartige Arbeit leisten und Menschen aus einer Krise helfen können. Aber darum geht es hier nicht.

Jede Erfahrung ist individuell und diese Serie ist aus meiner persönlichen Perspektive geschrieben ist - als Orientierung für all jene, die sich in einem ähnlichen Dilemma fühlen und niemanden haben, an den sie sich wenden können.

Mein Wendepunkt: Die Suche nach finanziellem Erfolg als Fotografin

Ich bin bereit, meine Geschichte zu erzählen. Es hat lange gedauert, bis ich die Kraft fand, öffentlich darüber zu sprechen. Noch länger brauchte ich, um mir meine Naivität zu verzeihen. Hier ist, was ich erlebt habe:

Als Fotografin mit langjähriger Erfahrung stand ich 2021 - wie so viele - vor einem saftigen Dilemma: Mitten in der Pandemie fielen viele Fotoshootings krankheitsbedingt aus und es blieb mit meiner damaligen Kalkulation meiner Preise finanziell sehr wenig übrig. Ich war auf die Corona-Hilfe angewiesen, wenn ich in meiner Branche überleben wollte.

In dieser Phase meiner Karriere stieß ich via Facebook-Anzeige auf eine einwöchige Masterclass (eine gängige Praxis unter Coaches), die mich sofort begeisterte. Sie schien genau meinen "Pain Point" zu treffen: Wie kann ich als Fotografin mehr verdienen ohne mehr Arbeiten zu müssen?

Die Person, die diese Masterclass leitete, schien genau zu wissen, was ich brauchte. Sie sprach davon, wie einfach es wäre als FotografIn 10.000 Euro und mehr im Monat zu verdienen, ohne sich kaputt zu arbeiten. Man musste nur an ein paar Stellschrauben drehen. Um das Geheimnis ihres Erfolgs zu lüften musste man sich nach den sieben Tagen Masterclass ganz flott (denn es gab nur begrenzte Plätze!!) für ein persönliches, kostenloses Erstgespräch anmelden. Ich tat es. Mit einem Kribbeln im Bauch. Was erwartet mich im Gespräch? Auf jeden Fall wollte ich es mir anhören - und wissen - was "ihr Geheimnis" überhaupt kostet. Denn davon war in der Masterclass nie die Rede.

Die Lüge der Verknappung: Manipulation ab Minute Eins.

So saß ich nervös in meinem damals allerersten Zoom-Call überhaupt. Sie lobte meine Fotografie und sprach von meinem Potenzial – etwas, das mir natürlich zunächst sehr schmeichelte. Ich sprach ganz offen darüber, dass ich mich nicht dazu durchringen konnte, meine Preise anzuheben, und dass ich gerade so von der Hand in den Mund lebte, was mir sehr zu schaffen machte.

Erst rückblickend erkannte ich, dass ich in ein Gespräch hineinmanipuliert wurde, dessen Ziel es ausschließlich war, mich für ihr Programm zu gewinnen. Nicht nur zur gewinnen - sondern ich musste innerhalb von nur 30 Minuten eine Entscheidung treffen: eine Investition in ihr Programm zu tätigen. In Höhe von satten 5.000 Euro für ein dreimonatiges "Programm". Mit einer sofort fälligen Reservierungsgebühr von 1.000 Euro - "Sonst ist dein Platz weg!" (völliger BS übrigens, da das Programm keinen festen Startzeitpunkt hatte). "Wenn du jetzt nicht Ja zu dir und deinem Business sagst, bleibst du in deiner elendigen Situation stecken. Willst du das wirklich, Julia?" fragte sie den Kopf schief legend. Nein, ich wollte natürlich raus aus meinem "Elend".

Zwischen Zweifel und Druck – Die Entscheidung

Ich wollte Bedenkzeit. Es erst einmal sacken lassen. Mit Familie und Freunden drüber sprechen. Wie immer, wenn ich große Entscheidungen treffe. Aber jedes Mal, wenn ich erwähnte, dass ich diese Entscheidung gerne wenigstens mit meinem Mann (der wichtigsten Person in meinem Leben) besprechen würde, konterte sie eindringlich mit der Frage: "Ist das dein Business oder das deines Mannes?" Nach mehrmaligem Nachfragen gab ich nach und plapperte kleinlaut nach: "Es ist mein Business". Doch meine Alarmglocken schrillten laut. 

Obwohl ich innerlich zweifelte, ließ ich mich schließlich doch überzeugen. Die Hoffnung, etwas in meinem Leben verändern zu können, überwog meine Bedenken, mich auf etwas Zweifelhaftes einzulassen. Es war meine erste Begegnung mit einem Coaching dieser Art, und alle Phrasen und Einwandbehandlungen waren mir fremd – sie erschienen mir in gewisser Weise sogar logisch.

Das Problem mit dem Geld

Ein noch gravierenderes Problem war jedoch, dass ich zu diesem Zeitpunkt das Geld eigentlich gar nicht hatte. Ich war finanziell am Ende und lebte von meinem Dispokredit. Meine Sorgen, dass ich mir diese Ausgabe nicht leisten konnte, wischte sie einfach beiseite. Sie versicherte mir, dass ich diese Investition innerhalb von nur drei Monaten problemlos wieder reinholen würde – ganz locker, angesichts meines Talents! Das klang fast zu schön, um wahr zu sein.

Red Flag Nummer 1: Wenn du dich fast übergeben musst, ist es falsch.

Ich erinnere mich noch genau an das Gefühl, als ich meine EC-Karte in den Tan-Generator steckte und die Überweisung online tätigte -  live - in ihrem Beisein. Sie bestätigte mir den Eingang des Geldes sofort. Die Entscheidung, einer fremden Person, die ich nie zuvor getroffen hatte, ohne Rücksprache mit meinem Mann, 1.000 Euro zu überweisen, fühlte sich mehr als falsch an. Im Coaching-Business wird oft gesagt, dass das Gefühl, sich übergeben zu müssen, ein Zeichen dafür ist, dass man eine "lebensverändernde Investition" getätigt hat. "Herzlichen Glückwunsch!! Du hast die richtige Entscheidung getroffen!" jubelte mir meine neue Mentorin zu. 

Rückblickend kann ich nur sagen: Wenn du eine Entscheidung treffen musst, bei der du dich fast übergeben musst, kann das niemals die Richtige sein. Das gilt sowohl für Coaching-Entscheidungen als auch für Bungee-Jumping. Wenn dein Bauchgefühl Nein sagt, solltest du darauf hören.

Ich rief in meiner Panik eine Freundin an und berichtete was mir gerade widerfahren war. Ich fühlte, dass auch sie das für eine sehr dumme Idee hielt - aber ich hatte unwiderruflich eine Anzahlung getätigt. Und einen Vertrag unterschrieben, aus dem ich nicht mehr rauskam - das Geld war weg - also musste ich jetzt durch. Meinem Mann sagte ich nichts davon. Ohhhh, wie sehr ich das bereuen würde.....

Was dich in den nächsten Teilen der Blogserie erwartet:

  • Meine Achterbahnfahrt durch das Coaching - eine ehrliche Reflexion
  • Der Weg zum Coach: Meine Motivation und Herausforderungen
  • Der Wendepunkt: Was mich letztendlich zum Ausstieg bewegte

 

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